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Die Rückseite der Reeperbahn

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Name: Matthias Wagner
Standort: Hamburg, Germany

Schreiberling




09 Februar 2010

Dräns west

Wenn wir uns in der U3 der Haltestelle Sternschanze nähern, ertönt stets die Bandansage einer sonoren Herrenstimme, die sich liebevoll um englischsprachige Passagiere kümmert.

Natürlich: Das hier ist ja auch Hamburg, das Tor zur Welt. Die sonore Herrenstimme sagt:

„Plies tschäinsch hier for echsebischen holl änd dräns west.“

Sehr lange Zeit habe ich mich gefragt, was die Stimme wohl mit „Trance West“ meinen könnte. Klar, ich kenne Trance als einen modernen Tanzstil, aber was hat das mit der Messe um die Ecke zu tun? Und warum muss es ausgerechnet die westliche Variante des Trance sein? Seine kulturellen Ursprünge scheinen mir doch eher im Osten zu liegen oder in Afrika.

Nein, das ergab alles keinen Sinn. Oder meinte der sonore Herr vielleicht so etwas wie einen „Transvest“iten? Immerhin liegt die Sternschanze in unmittelbarer Kieznähe; so abwegig wäre letztere Variante also nicht. Doch um mich semantisch restlos zu überzeugen, hätte der Satz irgendwie anders gestrickt sein müssen.

Monate-, möglicherweise jahrelang blieb der Sternschanzensatz für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich fühlte mich ein wenig wie jener Mensch, der aus dem Refrain von Bob Dylans größtem Hit immer ein rührendes Freundschaftsbekenntnis für Ameisen herausgehört hatte („… the ants are my friends …“)

Jedenfalls hörte ich immer nur „änd dräns west“, mein Hirn ließ sich davon nicht mehr abbringen. Und Ms. Columbo ging es beruhigenderweise ganz genauso.

Doch dann eines Tages (der noch gar nicht fern ist) legte jemand einen Synapsenschalter um, und plötzlich war die Sache glasklar. Die sonore Herrenstimme sprach von „entrance west“ – Westeingang! Alles fügte sich, der Satz ergab einen Sinn, die Welt fiel zurück in ihre Angeln, Naturgesetze galten wieder.

Seither fahre ich viel unneurotischer U-Bahn – was sich aber bald wieder ändern könnte, denn ich stelle gerade fest, dass sich die Mopo bereits des Dräns-west-Problems angenommen hatte.

Diesen Eintrag lösche ich trotzdem nicht mehr, so.


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08 Februar 2010

Zwischen Ballett und Bockwurst

Abends waren wir beim Konzert der jungen russischen Klaviervirtuosin Olga Scheps in der Laeiszhalle.

Sie spielte Schumann, Mozart und Chopin auf einem Steinwayflügel, und zwar mit verblüffender physischer Eleganz. Ihre Armbewegungen ließen mich seltsame Allegorien assoziieren, zum Beispiel an Seeschlangen, die durch ein Meer aus Gelatine schwimmen.

Und wenn sie eine Taste mit dem kleinen Finger anschlug und die ganze Hand dabei aufstellte, erinnerte das an eine Ballettänzerin, die einbeinig auf der Zehenspitze balanciert.

In der Pause gab es am Laeiszhallentresen übrigens Bockwurst und Brezeln, wohl als Kontrast zur Grazie der Pianistin. Auf dem Heimweg, der dank Scheps von Euphorie überzuckert war, hörten wir dann im Vorübergehen folgenden Dialog.

Mann (steht vor seinem geparkten Wagen): „Ach du Scheiße!“
Begleiter: „Was denn – hast du etwa schon wieder einen Strafzettel bekommen?“
Mann: „Nein, ich hatte extra einen hingehängt – und der ist jetzt weg.“

Manche Leute haben Sorgen.



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07 Februar 2010

Der Umdreher

Beim Konzert von Laura Veirs im Uebel & Gefährlich steht vor uns der abgebildete Typ mit Entenfußhaltung. Seine Eigenheit: Er dreht sich alle paar Sekunden um.

Anfang dachte ich noch, er missbillige unser kurzes Geplauder, doch diese Theorie wird bald falsifiziert. Denn er dreht sich ständig um, auch nachdem wir längst verstummt sind. Mindestens viermal die Minute, erst nach links, dann nach rechts.

Sein Blick scannt dabei jedesmal die Umgebung hinter uns ab, als suchte er jemand oder fühlte sich verfolgt. Vielleicht stimmt ja auch beides. Jedenfalls fängt der Umdreher mich mächtig an zu nerven.

Statt mich aufs Konzert zu konzentrieren, entwickle ich innerhalb kurzer Zeit Zwangshandlungen. Zum Beispiel beginne ich die Sekunden zu zählen, bis der Entenfüßler erneut den Kopf wendet – da: schon wieder.

Mir schwillt der Kamm. Aber warum eigentlich? Der Typ dreht sich doch nur um. Und er schaut nicht mal uns an, sein Blick streift uns nicht mal.

Trotzdem fühle ich mich belästigt. Ms. Columbo übrigens auch, doch das stellt sich erst später heraus, als wir in stiller Übereinkunft an die Theke geflüchtet sind, um dem Umdreher zu entgehen. „Als hätte er ein Recht darauf, neugierig zu sein“, erregt sich Ms. Columbo, und zwar mit meiner nachdrücklichsten Billigung.

In mir keimt ein peinliches Verständnis für die „Was guckst du?“-Aggressoren, die nichts weiter brauchen als einen vermeintlich ungebührlichen Blick, um zuzuschlagen. Irgendwo tief in uns steckt wohl noch immer das vorzivilisatorische Instinkttier, das alles, was uns widerfährt, nach archaischen Maßstäben interpretiert – und uns entsprechend vorzivilisatorische Reaktionen nahelegt.

Allerdings sind wir nur an die Theke geflüchtet, anstatt ihm die Kauleiste zu zerdellen. Und auf diese Kulturleistung dürfen wir zu Recht sehr, sehr stolz sein.



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06 Februar 2010

Die gemütlichsten Ecken von St. Pauli (22)



Entdeckt an der Reeperbahn


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05 Februar 2010

Zurück aus der Zukunft



August 2018. Ich sitze in der Bar Tutto Silenzio, die seit dem Inkrafttretens des Schalleliminierungsgesetzes für Ausschank- und Gastronomiebetriebe (SchElG) unfassbar boomt, und nippe an meinem hydraulisierten Molekularshake.

Als die PVZ (Partei für Veganismus und Zwangsgesundheit) vor drei Jahren die Macht übernommen hatte, verbot sie sofort Alkohol als unethisch; und seither ersetzt der hydraulisierte Molekularshake alles mit Umdrehungen. Allerdings nur unzulänglich.

Ich sitze hier mit K., der jetzt aber viel lieber einer von 50 000 im ausverkauften Googlestadion an der Müllionisierungsanlage wäre. Dort spielen nämlich gerade den achten Abend hintereinander die famosen The Fine Arts Showcase (im Vorprogramm: The Killers, Rolling Stones), und K. jammert rum, weil er keine Karte mehr bekommen hat.

„Ich hätte auch tausend Euro statt der geforderten 330 bezahlt“, schluchzt er, „aber es gab ja nicht mal mehr einen Schwarzmarkt!“

„Und ich“, sage ich versonnen und nippe am Shake, „habe sie damals – genauer gesagt: am 4. Februar 2010 – im Molotow gesehen. Vor 36 Leuten. Mich mitgezählt.“ K. starrt mich an, als sei ich die Reinkarnation von Emmett L. „Doc“ Brown.

Dann muss ich ihm ein Autogramm geben, direkt auf sein ausrollbares 37-Zoll-iPad.

PS: Ich empfehle „Dolophine Smile“


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04 Februar 2010

Fundstücke (65)



Gerüstet für die Schneeballschlacht – und sogar das Opfer schon im Blick. Entdeckt am Stephansplatz.

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03 Februar 2010

Geschnieft, aus verschiedenen Gründen

Schnuffelnd stieg ich heute Morgen in den 37er-Bus, ließ mich ächzend auf den Sitz fallen und kramte den iPod raus, um mir die Fahrt nach Altona mit Roger Eno zu versüßen.

Zwei Sitze vor mir drehte sich plötzlich ruckartig eine Frau zu mir herum. Sie starrte mir in die Augen, ihr rechter Arm schoss hervor wie vom Katapult abgefeuert, und in ihrer ausgestreckten Hand erblickte ich – eine Packung Papiertaschentücher.

Ich hatte wohl einen Tuck zu lang geschnieft. Doofer Roger Eno.

Zum Glück wurde der Tag abends noch veredelt. Und zwar von der drahtigen alten Cree-Indianerin Buffy Sainte-Marie, die mir in der Fabrik ihre 46 Jahre alte überzeitliche Protesthymne „Universal Soldier“ vorsang.


Drei Minuten für die Ewigkeit; ich hätte ein Taschentuch gebraucht. Doch die Frau aus dem Bus war nirgends zu sehen.


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